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Air Chathams Convair 580: Mit einer 57-jährigen Lady ans Ende der Welt (50x1000)

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Hoi zäme,

 

neben den vielen Spotting-Reports in letzter Zeit gibt es auch noch einen kleinen Reisebericht, den ich bisher nicht gezeigt habe. Schon als ich den Flieger 2006 das erste Mal erspähte, wusste ich, dass ich dieses Abenteuer unbedingt einmal mitmachen musste. 2010 war es endlich soweit.

Mit einem Flugzeug Baujahr 1953 700 Kilometer über den offenen Ozean, zu einer einsamen Insel, auf der es noch nicht einmal ein Mobilfunknetz gibt. Klingt gut, was?

Also, los geht’s, auf eine Runde mit…

 

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Wie der Karte bereits zu entnehmen ist, gehören die Chatham-Inseln zu Neuseeland. Doch so viel haben sie mit dem Festland nicht gemeinsam; sie sitzen sogar in einer eigenen Zeitzone, die 45 Minuten vorauseilt. Und eigentlich wäre der Zeitunterschied noch viel grösser – die Chathams befinden sich nämlich schon auf der anderen Seite der Datumsachse bei 174 Grad West!

 

Air Chathams wurde 1982 gegründet und verbündete sich bald mit den Fischern der Insel, was ein stetiges Wachstum erlaubte. Schliesslich konnte man sogar Air New Zealand von den Inselrouten verdrängen. Auch heute ist der Fischfang der weitaus wichtigste Wirtschaftsfaktor auf der Insel, die 650 Menschen und 60‘000 Schafe beheimatet. Mit einer Convair unterhält man Verbindungen nach Auckland (via Napier), Wellington und Christchurch. Drei weitere Convairs gehören zur Flotte und verbringen ihr Leben als Charterfrachter oder bei der Tochterfirma Air Chathams Pacific im Inselkönigreich Samoa.

 

Dabei ist die Gesellschaft sehr familiär geblieben; für die Chatham-Route sind gerade einmal vier Piloten und zwei Teilzeit-Flight Attendants zuständig. Eine solche hatte ich übrigens auch direkt am Draht, als ich mit der Airline Mail-Kontakt aufnahm. Witzig irgendwie…:-)

 

 

Im gleichen Stile geht's nach der Ankunft am Airport von Auckland weiter. Air Chathams hat keine eigenen Check-in Schalter; stattdessen erfolgt das Einchecken beim Kundendienstschalter von Air New Zealand (wäre noch nett, wenn das einem vorher jemand sagen würde!)

 

Nun denn, auf mich wartet ein unvergesslicher Ausflug. Bereit steht ZK-CIB

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Werknummer 96 hatte sie getragen, als sie als Convair-340 im Jahr 1953 für Philippine Airlines bestimmt die Produktionshallen in San Diego verliess. Es folgte eine Odyssee durch Nordamerika und die Karibik, Dienste für eine Ölfirma und später für Republic Airlines sowie die Umbauten zur Version -440 und dann -580. Einmal wurde CIB durch einen Brand arg beschädigt und daraufhin (nun mit c/n 327A) wieder zusammengeflickt. Ein anderes Mal kam sie von einer schneebedeckten Piste ab, worauf sich ein Propeller durch die Kabinenwand bohrte und einen Passagier tödlich verletzte. Dies alles konnte ihre Karriere nicht beenden: 1995 wurde sie von Kelowna Flightcraft mit einer 3 Meter breiten Frachttür ausgestattet und fand kurz darauf den Weg auf die Chathams.

 

Auffälligstes Merkmal der Convair sind die riesigen, grossflächigen Props. Einfach monströs!

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Der kurze Flug von Auckland nach Napier (eine Stunde) ist besonders bei Enthusiasten sehr beliebt – immerhin betreibt Air Chats offenbar die letzten Convairs im linienmässigen Passagier-Einsatz. So waren wir gleich drei Flugzeugfreaks (einmal Schweiz, einmal Deutschland, einmal Neuseeland), die sich zufällig trafen. Schliesslich ging’s los, die riesigen Propeller zerrten unsere Maschine von Rwy 05R in den leicht bewölkten Himmel von Auckland

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Blick zurück auf den Airport; das Terminal mit Finger ist das International (man erkennt eine Qantas-Flosse), näher bei uns ist das Domestic. Von der Brücke am rechten Bildrand lassen sich schöne Anflugaufnahmen der normalen Betriebsrichtung 23 machen.

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Während des kurzen Fluges blieb Zeit, den Flieger genauer zu inspizieren. Was ich da sah, brachte mich leicht ins Grübeln: An einem Ort blubbert fröhlich Öl oder was ähnliches aus dem Triebwerk, andernorts ist eine Schraube locker. Und diesem Teil vertraue ich meine Seele für zweimal zwei Stunden über dem offenen Meer an? Na gut, die werden wohl wissen, was sie tun, und die Super Connie raucht beim Start-up ja auch tüchtig.

Achja, a propos Super Connie – HB-RSC ist übrigens noch drei Jahre jünger als unsere Lady hier !

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Nach einer knappen Stunde Flug befinden wir uns im Downwind für den Airport von Napier, welcher rechts oben gut erkennbar ist. Glück gehabt mit der Seitenwahl (es ist übrigens free seating) :-)

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Es folgte ein ziemlich eng geflogener Visual Approach, der aus Reihe 1 übrigens so aussah (© Nicholas Young)

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In Napier gab’s eine kurze Pause und die Passagiere durften sich ins Terminal begeben. Hier konnte auch die Flight Attendant beobachtet werden, wie sie am Airport-Kiosk den Verpflegungskorb für den langen Flug zusammenkaufte

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Dann ging es wieder ans Einsteigen!

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Nun war meine Zeit gekommen. Ich war der einzige Freak, der auch den Flug auf die Chathams mitmachte. So stand einem Jumpseatbesuch nichts mehr entgegen und der ohnehin bereits erfüllte Traum wurde nochmals auf eine neue Stufe gehoben.

Engine Start!

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Checklist-o-meter, einfache, aber geniale Erfindung irgendwie :D

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Die Startberechnungen sind ziemlich vertrackt. Die Maschine ist randvoll mit Passagieren und Gütern, die auf die Inseln gebracht werden sollen. Weil die Chathams so exponiert liegen, muss für den Fall eines Wetterwechsels genügend Sprit mitgenommen werden, um vor Ort zwei Anflugversuche durchführen und danach zurück zum Festland fliegen zu können. Für die Strecke von zwei Stunden wird also Sprit für beinahe 5 Stunden benötigt. Wir befinden uns knapp unter MTOW, die Piste in Napier ist aber mit 1,3 Kilometern (4‘300ft) auch nicht allzu lang. Hier beweisen sich nun die Convair 580 mit ihrer Megapower. Genau daher sind sie für Air Chathams so wertvoll und noch immer im Einsatz! Nach Angaben des CEOs soll die Convair-Ära übrigens noch lange nicht zu Ende sein...

 

Schliesslich sind wir aufliniert, es kann losgehen! Alle Hebel nach vorne!

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Unser Ziel, den Tuuta Airport auf den Chathams (NZCI) haben wir bereits kurz nach dem Start fest im Visier. Eine Flugzeit von 1h45 über dem offenen Meer gibt uns das GPS an.

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Zeit, sich im Cockpit umzuschauen. Hier die Plakette von der Neuauslieferung 1956 in San Diego, California :-)

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Wir fliegen immer weiter aufs offene Meer hinaus, und schliesslich müssen wir auf HF-Radio wechseln. Wir probieren Auckland-Radio über eine der HF-Frequenzen zu erreichen, was im dritten Anlauf dann auch klappt.

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Hier war die Nostalgie nun endgültig perfekt: Die zwei Allison-Motoren mit ihrem sonoren Summen, die Einsamkeit über dem endlosen Meer, aus dem Kopfhörer das monotone Rauschen des HF, ab und zu unterbrochen von den kaum wahrnehmbaren Positionsmeldungen weit entfernter Langstreckenflieger.

Im Bild der massive Central Pedestal

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Weitere Detailstudie von Cockpit-Equipment – keine Ahnung, was das genau ist :D

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Kurze Cockpit-Übersicht; Cruising Level war immerin FL240

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Schliesslich ist die Magie vorbei. Das Air Chathams-Hauptquartier auf der Insel knistert durch den Äther und gibt aufgelockerte Bewölkung durch. Kein Umdrehen zum Festland also. Es geht der Heimat entgegen, und die alte Lady mag kaum warten (siehe Speed-Anzeige :D)

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Land in Sicht, einfach so, mitten im unendlichen Ozean – die Chathams überraschen mit kilometerlangen Sandstränden!

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Hui, ganz nett hier!

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Homebase in sight, der Tuuta-Airport mit ebenfalls einer Pistenlänge von 1,3km

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Die Piloten nehmen mass…

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…und werfen den schweren Vogel in eine ansprechenden Kurve auf den Final

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Nach genau 100 Minuten Flugzeit erreichen wir das kleine Vorfeld. Auf 12 Uhr liegt das Terminal, auch im Bild die Cessna 206 von Air Chathams, die den Weiterflug auf die kleine Insel Pitt übernimmt. Der Convair-Captain wollte mich spontan gleich dort auch noch unterbringen, leider war die Maschine aber schon voll…aber nett sind diese Chathamler, keine Frage!

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Das *räusper* Terminal in der Totalen :D

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Tja, ich bin nicht am Ende der Welt gelandet, sondern am Beginn! Dank ihrer Zeitzone von UTC + 12:45 sind die Chatham Islands die ersten, die in den neuen Tag starten (was ihnen zum Millenium auch ein kleinwenig Aufmerksamkeit bescherte)

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Unsere rüstige Lady wird sofort entladen. Insbesondere kommen viele Fischboxen leer vom Festland zurück; die werden wir dann morgen früh wieder antreffen.

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Dann hat sie sich eine Pause verdient und ich verabschiede mich für die Nacht

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Auf der Insel gibt es ein einziges Hotel und eine ihm angeschlossene Jugendherberge. Letztere liegt direkt an einem wundervollen Strand; einziger Mitbewohner war ein angefressener Fischer in meinem Alter, der am liebste die ganze Nacht mit seiner Angel draussen am Meer verbrachte. Ich machte es mir da einfacher, nahm Fish & Chips (was denn sonst) vom einzigen Restaurant des Hauptortes mit und genoss die Abendstimmung am Strand!

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Traumhaft, und kein Mensch weit und breit. Um die Insel herum nichts als der unendliche Ozean. Im Westen kommt nach 700 Kilometern Neuseeland, im Osten geht’s etwas länger: 7‘000 Kilometer wären es bis nach Südamerika. Ein wirklich spezielles, und speziell schönes Gefühl - schwer in Worte zu fassen!

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Schon kommt der nächste Morgen, der Rückflug nach Wellington steht an. Der Grund, weshalb der Flieger auf den Chathams steht und diese früh morgens verlässt ist einfach: So kann der über Nacht gefangene Fisch ohne Verzögerung aufs Festland exportiert werden, wo er dann bis nach Japan weiterverfrachtet wird. A propos Fracht – beim Beladen der Stationair ging wohl etwas leicht schief *g*

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Terminal in der Übersicht – jaja, die Convair steht auch noch da!

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:D

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Im Innern ist das Terminal sehr nüchtern gehalten. Die Dame hinter dem Tresen ist übrigens unsere Flight Attendant. Boarding Passes gab es natürlich auch keine – das Einchecken erfolgte bloss durch das Abhaken des Namens auf der Passagierliste und eine Bestätigung dafür gab’s keine. Man kennt sich ja eigentlich auch…

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Eine einzige Plakette schmückt jedoch das unspektakuläre Terminal, diejenige zu Ehren von Old Blue. Symptomatisch für die Inseln wird damit kein Mensch geehrt, sondern ein Vogel!

Und Old Blue trägt den grossen Titel „saviour of her species“ völlig zu Recht: Vor 30 Jahren gab es nur noch genau 7 der einzig auf den Chathams vorkommenden Black Robins, davon nur ein Weibchen, eben Old Blue. Und Old Blue schaffte es tatsächlich, ihre Spezies zu retten. Die Wissenschaftler liessen ihre Eier von anderen Vögeln ausbrüten und konnten so die Zunahme der Population weiter beschleunigen.

Wen’s interessiert, hier noch ein nettes Video, das die niedlichen Black Robins zeigt und ihre Rettung rekapituliert (lohnt sich aber alleine schon, um sich am Beispiel von „Neeeeest“ am neuseeländischen Akzent zu erfreuen *gg*): http://tvnz.co.nz/view/video_popup_flash_skin/2833398

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Blick auf das schöne Tail, das die Position in den „Roaring Forties“ wiederspiegelt

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Hier kommt der Fang der letzten Nacht! Noch immer ist der Fisch das Hauptgeschäft von Air Chathams…

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…und so verwundert es nicht, dass man für ihn auch gerne ein paar Passagiersitze opfert!

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Takeoff vom Tuuta Airport, goodbye Chathams!

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Cabin Shot, auch hier sehr karg, aber zweckmässig. Der Flieger verfügt eine mobile Trennwand zwischen Passagier- und Frachtbereich. So kann er binnen weniger Minuten an die momentanen Bedürfnisse angepasst werden. Als Vollfrachter kann man 6,5 Tonnen Fracht laden. Mit 40 Sitzen drin immerhin noch eine Tonne. Auch dazwischen ist jedes Setting möglich. Heute waren 6 Sitzreihen eingebaut, wobei einige Sitze ja trotzdem noch dem Fisch vorbehalten waren.

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Über dem endlosen Wasser – meine Befürchtungen hatten sich einmal mehr nicht bewahrheitet, das Teil schnurrte zuverlässig vor sich hin

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Approach auf well, eben nicht Wellington! Dieses war mal wieder eingenebelt (hatte damit ja schon mehrfach Erfahrungen sammeln dürfen). Man nahm’s locker, die Flugbegleiterin meinte nur „off to Palmy we go then“ und so wurde Palmerston North angesteuert.

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Over the piano keys!

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In Palmy war erstmal unklar, wann es weitergehen würde. Dass man nach Wellington fliegen würde war dagegen klar, schliesslich musste man ja den Fisch abliefern. Anyway, ich genoss die Gelegenheit, die Beauty mit Jahrgang 53 noch etwas weiter bestaunen zu dürfen. Einfach imposant das Teil…

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Die Triple Seven der Propliner, und die Riesenpropeller wären demnach wohl die GE90 :D :D

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Nach einer guten Stunde hatte sich der Nebel dann schliesslich aus Wellington verabschiedet und wir konnten unseren Flug fortsetzen. So kam ich zu 20 zusätzlichen Flugminuten und schaffte es ein weiteres Mal ins Cockpit. Diversions haben doch auch was Gutes!

Bereits sind wir im Anflug auf das wieder eröffnete Wellington, vor uns werden zwei andere Flieger in die Sequenz eingefädelt (siehe VSI/TCAS)

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Wir passieren Downtown der Hauptstadt…

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…und ich geniesse den wunderschönen Anflug auf Piste 16! Traumhaft!!

(links sieht man noch den Rest der Nebelbank)

 

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Wir sind unverkennbar in Wellington angekommen – wo sonst steht der Tower mitten in der Einfamilenhäuschen-Siedlung?

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Es folgt ein Spurt auf den Flieger, der mich nach Auckland zurück bringen soll. 20 Minuten später bin ich schon wieder in der Luft, und bekomme zum Abschluss noch ein unbeschreibliches Panorama des Wellingtoner Airports geboten – perfekt gelaufen!

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So, das war’s von diesem Abenteuer. Ich glaube, ich brauche nicht speziell zu erwähnen, dass mich die alte aber noch immer beliebte Convair mit ihren Vorzügen sofort in ihren Bann gezogen hat. Die Chatham-Inseln haben es ihr gleichgetan. Wenn man in der Gegend ist, sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, zumindest den Auckland-Napier-Leg mitzufliegen. Der lässt sich zwar nicht über die Webseite buchen, auf nette E-Mail-Anfrage hin jedoch schon. Nur mit dem Jumpseat wird’s dort etwas eine Lotterie, da meistens mehr als nur ein Fliegerfan zugegen ist :-)

 

Wer einen etwas vertiefteren Blick auf Air Chathams und ihre Operations erhalten möchte, findet in Jetstream Mai/2010 einen etwas ausführlicheren Bericht meinerseits. Auf PM-Anfrage bis Samstag Abend kann ich ihn auch als PDF zusenden.

 

Beste Grüsse,

 

Tis

 

 

P.S. Einverständnis zur Publikation der Fotos liegt vor – vom CEO persönlich :D

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