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Der "Raupenschlächter"


Thermikus

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Manchmal ist unser Flugsport von ziemlich skurrilen Erlebnissen geprägt. Aber ich glaube, dass gerade diese das Salz in der Suppe ausmachen und zeitlos viel Gesprächsstoff für die abendliche Bierrunde nach dem Flugbetrieb bieten.

 

Die SF 27 war in den Sechzigerjahren, vor der breiten Einführung der schneeweissen und aalglatten Kunststoffsegler, DAS Flugzeug für jene Piloten, die sich im Verein durch entsprechende Erfahrung und das silberne Leistungsabzeichen die „Weihen“ für diesen rassigen Vogel erworben hatten. Dieses Segelflugzeug in Gemischtbauweise (bespannte Tragflächen und Leitwerk mit Pendel-Höhenruder in klassischer Holzkonstruktion, der Rumpf aus bespanntem Stahlrohr-Fachwerk und das Cockpit teilweise in Kunststoffbauweise mit der damals neuartigen liegestuhlartigen Anordnung des Pilotensitzes, wie es heute überall Standard ist.

 

Jeder meiner Kollegen und auch ich waren scharf darauf, auf diesem Vogel zu fliegen. Er war im Vergleich zur K 8 b relativ schwer, lag satt in der Luft und marschierte mit bisher ungewohntem Tempo, wenn man auf Strecke ging. Die Steuerung reagierte sehr sensibel und es war eine Freude, die SF 27 praktisch mit den Fingerspitzen in alle Richtungen dirigieren zu können.

 

Die ersten Thermikflüge verliefen problemlos und so wurde man immer lockerer und wagte sich bald schon einmal auch etwas weiter vom Flugplatz weg.

 

Eines Tages war ich in ziemlich zerrissener Blauthermik eifrig am Kurbeln. Einmal zeigte das Variometer ordentliches Steigen an, dann fiel ich wieder aus dem Thermikschlauch heraus, verlor Höhe und musste mich wieder mühsam einfädeln. So ging das eine ganze Weile hin und her. In meinem Eifer beachtete ich nicht genügend, dass mich der Wind immer weiter vom Flugplatz weg versetzte, ohne dass ich wesentlich an Höhe gewinnen konnte. Und als ich es endlich merkte, war der Ofen aus. Die Blauthermik verschwand ins Nirwana und ich kurvte in einigen Kilometern Entfernung zum Platz ziemlich ratlos durch die Gegend.

 

Zurück zum Flugplatz – aber tempo, tempo! Anfangs ging das mit dem schnellen Segler recht ordentlich – aber nur anfangs. Schnell war mit mangels neuer Aufwinde klar, dass das mit der Rückkehr zum Platz ziemlich eng werden musste. Der Flugplatz war zwar am Horizont in Sichtweite – ich aber schon ziemlich im Parterre. Was tun? Aussenlandung? Ich fühlte förmlich, wie meine Ohren heiss wurden: Die Kameraden würden sich ein bösartig schadenfrohes Grinsen und einige anzügliche Bemerkungen wohl nicht verkneifen können. Kurz vor dem Ausgangspunkt dieses Fluges in freiem Gelände abzusaufen – na so was!

 

Macht nichts – Savety first – ich musste runter und zwar bald. Das Gelände unter mir war uneben und mit Buschwerk durchsetzt. Aber vorne, fast genau in Flugrichtung, lag ein längeres Getreidefeld. Davor eine kleinere Brücke mit einem Feldweg und am Ende des Getreidefeldes befanden sich wieder Bäume und Büsche. Das war es! In Schlangenlinien baute ich meine restliche Höhe langsam ab und beobachtete das Getreidefeld. Die Halme mussten etwa hüfthoch sein. Dann peilte ich die Brücke mit dem Feldweg an und flog mit sattem Tempo fast in gleicher Höhe genau auf sie zu. Kurz vor der Brücke zog ich mit etwas Ueberfahrt hoch, rauschte dicht darüber und fuhr sofort die Klappen aus.

 

Die grünen Getreidehalme kamen rasch näher. Nase ganz sachte hoch, Klappen wieder rein und schon klatschten die Halme gegen Rumpf und Leitwerk. Flächen gerade halten, ziehen, langsam ziehen. Von hinten kam ein kräftiges Prasseln, das Leitwerk rauschte schon voll durchs Getreide. Dann tauchte auch der vordere Rumpf ein. Die Verzögerung war nicht von schlechten Eltern – gleich anschliessend verfing sich die linke Tragfläche in den Pflanzen und mein Flieger wurde zum würdigen Abschluss um die eigene Achse gedreht. Ruhe, nichts als himmlische Ruhe. Ich stemmte die grosse Plexiglashaube hoch und die Getreidehalme neigten sich wie zur Begrüssung ins Cockpit.

 

Abschnallen – aussteigen. Wie ein Pflug kämpfte ich mich durch das Feld und sah, als ich an dessen Rand angekommen war aus, wie ein Schlächter beim Verlassen seines Arbeitsplatzes. Allerdings nicht rot, sondern grün. Tausende kleiner grüner Raupen hatten die noch unreifen Getreideähren befallen und zerplatzen an meinem hellen Hemd und der ebenso hellfarbigen Florida-Jeans, wie man dieses Kleidungsstück damals nannte. Geradezu fürchterlich sah ich aus und die Klamotten waren hinüber. Dem Flugzeug war dagegen, wie wir später feststellen konnten, rein gar nichts passiert.

 

Zum Schaden kam dann noch der Spott der Kameraden von der Rückholmannschaft, die zuerst die Hände über den Köpfen zusammenschlugen. Nach dem ziemlich mühsamen Abtransport unseres gestrandeten Vogels war dann meinerseits das obligatorische grosse Freibier fällig. Kein Problem - Flugzeug und Pilot waren heil geblieben - und das musste gebührend gefeiert werden.

 

Dietwolf (Thermikus) :o

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